Leading House "Qualität der beruflichen Bildung"

Unter der Leitung von Prof. Dr. Margrit Stamm und Prof. Dr. Stephan Schumann (Universität Freiburg) sollen mit dem Leading House «Qualität der beruflichen Bildung» die Erfolgsfaktoren der beruflichen Bildung sichtbar gemacht werden. Der operative Leiter, Stephan Schumann, gibt Auskunft über die Zielsetzung dieses Forschungsprojekts.

Stephan Schumann

"Um es vorweg zu nehmen: Auch wir werden keine allgemein gültige Definition von Qualität der beruflichen Bildung vorlegen können. Was wir aber tun werden, ist, unsere Kriterien von Qualität offen legen und ihre Auswahl begründen."

Prof. Dr. Stephan Schumann, operativer Leiter Leading House

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe nach der obligatorischen Schule keine Berufslehre begonnen, sondern bin auf dem Gymnasium geblieben. Eine Berufsausbildung war zu dieser Zeit für mich keine Option, ich und vor allem meine Eltern waren stark auf ein Universitätsstudium fokussiert. Zu Jugendlichen, die eine Berufslehre absolvierten, hatte ich kaum Kontakt - leider. Heute finde ich es manchmal schade, nichts „Praktisches“ gelernt zu haben. Wenn ich mir beispielsweise die beiden Söhne von guten Bekannten von uns anschaue - der eine ist Schmied, der andere Schreiner – dann kann ich nur sagen, dass sie beide jeden Tag Dinge schaffen, die unmittelbar verwendbar und zugleich einzigartig sind. Beide sind kompetente, im positiven Sinne selbstbewusste und mitten im Leben stehende Personen – dazu hat die Berufsausbildung sicherlich einen grossen Teil beigetragen.

Sie leiten zusammen mit Frau Prof. Dr. Margrit Stamm das Leading House "Qualität der beruflichen Bildung". Was ist unter einem "Leading House" zu verstehen?

Ausgangspunkt war vor etwas mehr als 10 Jahren die Feststellung einer vom BBT installierten Expertengruppe, dass in der Schweizer Berufsbildungsforschung zu wenige institutionelle, finanzielle und personelle Kapazitäten vorliegen. Eine Konsequenz daraus war die themenspezifische Ausschreibung von so genannten Leading Houses, d.h. Kompetenzzentren für Berufsbildungsforschung. Diese sind grundsätzlich an universitären Lehrstühlen, wie z.B. demjenigen von Frau Prof. Stamm, angesiedelt. Im Prinzip sind drei strategische Ziele mit der Etablierung von Leading Houses verbunden: Erstens die Generierung von i.d.R. empirisch gewonnenem Wissen auf hohem wissenschaftlichen Niveau, zweitens der Transfer dieser Erkenntnisse in die Praxis und Politik und drittens die systematische Förderung von wissenschaftlichem Nachwuchs im Bereich der Berufsbildungsforschung. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Berufsbildung – auch von der Forschung – häufig unter einem defizitorientierten Blickwinkel angeschaut wird, soll mit unserem Leading House bewusst ein Perspektivenwandel vollzogen werden. Im Zentrum des Interesses stehen die Gelingensbedingungen der Berufsbildung, d.h. die Frage nach den Merkmalen, die zu einer hohen Qualität der Berufsbildung beitragen – wir sprechen hier von Erfolgsfaktoren.

Sie beschäftigen sich mit der Qualität der beruflichen Bildung. Was genau wollen Sie dabei erforschen?

Jeder ist für Qualität, das Problem ist nur, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Im Unterschied zum häufig alltagssprachlichen Gebrauch ist Qualität eben gerade keine beobachtbare Eigenschaft einer Sache, sondern vielmehr das Ergebnis deren Beurteilung. Und diese Beurteilung ist wiederum abhängig von individuellen oder kollektiven Interessen und damit subjektiv. Um es vorweg zu nehmen: Auch wir werden keine allgemein gültige Definition von Qualität der beruflichen Bildung vorlegen können. Was wir aber tun werden, ist, unsere Kriterien von Qualität offen legen und ihre Auswahl begründen. Nur durch Transparenz und vor allem durch die Begründung können Qualitätsurteile von jedermann nachvollzogen werden. Und es ist niemandem benommen, diese Qualitätskriterien kritisch zu hinterfragen. Ein sachlicher Diskurs würde von uns ohne Wenn und Aber begrüsst. Im Leading House werden wir Untersuchungen zur Qualität in verschiedenen Bereichen der schweizerischen Berufsbildung durchführen. Dabei ist geplant, über einen Zeitraum von zunächst vier Jahren acht verschiedene Forschungsprojekte zu realisieren. Eines dieser Projekte heisst STABIL und wird sich mit der Rolle des Lehrbetriebs bei Lehrvertragsauflösungen auseinander setzen. Erfolgsfaktoren sind dabei diejenigen Merkmale, die dazu beitragen, dass Lehrvertragsauflösungen verhindert werden. Wir gehen davon aus, dass wir sowohl Ausbildermerkmale – wie beispielsweise die pädagogischen Kompetenzen und Überzeugungen, als auch Merkmale des Betriebs – wie zum Beispiel den Führungsstil oder das Betriebsklima – identifizieren können. Gelingt uns dies, so hätte man in der Zukunft mehr gesichertes Wissen und man könnte die Quote der Lehrvertragsauflösungen verringern. Davon profitieren letztlich alle – die Jugendlichen, die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Das wäre dann auch ein Beitrag zur Verbesserung der Qualität.

Lehrpersonen an Berufsfachschulen sind interessiert am Transfer in die Unterrichtspraxis. Was können diese erwarten?

Der Transfer wird in unserem Leading House ganz gross geschrieben. Wir haben hierfür ein eigenes Gefäss mit dem Namen FACE-VET geschaffen. Ziel von FACE-VET ist die interaktive Kommunikation mit der Berufsbildungspraxis, d.h. wir wollen schon im Vorfeld der Untersuchungen die Erwartungen und Hinweise aus der Praxis gezielt aufnehmen, diese wenn möglich in den Fragestellungen der Studien berücksichtigen und natürlich die Resultate zurückmelden. Im Idealfall ergibt sich hieraus ein Kreislauf. Viele unserer geplanten Studien werden für die Lehrpersonen von Interesse sein. So wird zum Beispiel ein Projekt zu der Frage durchgeführt, ob die Qualitätsmanagementsysteme der Schulen effektiv Wirkungen auf die Unterrichtsqualität haben – und falls ja, welche. Hier wird es dann interessant sein, zu sehen, warum dies in manchen Schulen besser und in anderen weniger gut gelingt.

Die duale Berufsbildung wird häufig als Erfolgsstory beschrieben. Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach für den Erfolg verantwortlich?

Unbestritten ist es so, dass das duale System in der Schweiz eine Erfolgsstory ist. Hierfür ist eine Vielzahl von Faktoren verantwortlich. So ist das System ist stark auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt ausgerichtet, was eine geringe Jugendarbeitslosigkeit zur Folge hat. Das sieht in anderen Ländern Europas ganz anders aus. Wesentlich ist auch, dass die Verbundpartnerschaft zwischen Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt gut funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass deren Vertreterinnen und Vertreter verantwortungsvoll und in einem sinnvollen Ausmass pragmatisch, d.h. wenig ideologisch ihre Aufgaben wahrnehmen. Kleingeistige Grabenkriege sieht man eher selten. Wesentlich ist natürlich auch die Professionalität derjenigen, die tagtäglich mit den Berufslernenden zu tun haben. So sind die Lehrpersonen in den Berufsfachschulen gut ausgebildet. Wir wissen aus der Forschung, dass dies ein wichtiges Kriterium für Unterrichtsqualität ist.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Besonders aufgrund der demografischen Veränderungen droht ein Fachkräftemangel, viele Berufe spüren dies schon heute. Es ist auch anzunehmen, dass die Konkurrenz zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung uns noch eine Weile begleiten wird. Die Berufsbildung muss Mittel und Wege finden, für Betriebe und Jugendliche attraktiv zu bleiben. Gerade für lernstärkere Lernende sollten adäquate Angebote mit Aufstiegsoptionen existieren. Die Strukturen hierfür sind im Berufsbildungssystem zweifellos gelegt worden, allerdings werden einige Gefässe wie zum Beispiel die BMS-Passerelle zur Universität aus meiner Sicht zu wenig genutzt. Hier gilt es zu fragen, warum dies so ist. Abschliessend möchte ich betonen, dass ich hoffe, dass auch im Jahre 2050 die Betriebslehre noch das Kernelement der Berufsbildung ist. Seriös prognostizieren kann man dies jedoch nicht.

15.03.12

Kontakt

Stephan Schumann stephan.schumann@unifr.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.02.2014
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