Revision Lehrplan Allgemeinbildung
"Zurzeit schlägt das Pendel zurück, indem neben eigentlichen Schullehrplänen pro Berufsfachschule teilweise auch kantonale Lehrpläne erarbeitet werden."
Beat Gurzeler, Verantwortlicher für die Umsetzung des Rahmenlehrplans ABU
Überall an den Berufsfachschulen der Schweiz werden momentan neue Schullehrpläne für das Fach Allgemeinbildung entwickelt. Beat Gurzeler hilft mit bei der Umsetzung und ist selber als Berufsschullehrer in Luzern sowie als Berater im Bildungsbereich tätig.
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Meine schulische Ausbildung war typisch für die 70er Jahre. Sie verlief linear: Primarschule und danach 7 Jahre Gymnasium mit Latein und Freifach Griechisch. Bei der Übergabe des Maturazeugnisses war ich 19, stand vor der Rekrutenschule und mein eher diffuser Berufswunsch war Archäologie. Ich hatte keine kurz- oder mittelfristigen Ziele formuliert, keine Abklärungen gemacht über Auswahlkriterien an Universitäten, war also überhaupt nicht „maturus“ – sprich reif. Und weil mein Geschichtslehrer mir nebenbei zu verstehen gab, dass es in der Schweiz nicht eben viele Archäologen brauche, überdachte ich zum ersten Mal meine berufliche Zukunft – und begann an der Uni Bern nach - eher zufällig - bestandener Aufnahmeprüfung das Turnlehrerstudium. Danach folgte doch noch eine Anlehnung an meinen ersten Berufswunsch, indem ich Geschichte im Nebenfach studierte.
Der Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht (ABU) an Berufsschulen wurde revidiert. In der Folge müssen nun die Schullehrpläne der einzelnen Berufsfachschulen überarbeitet werden. Weshalb wurde diese Revision nötig?
Die letzte grosse Revision fand 1996 statt und brachte sehr viele Neuerungen, vor allem aber die Entwicklung von Schullehrplänen (SLP) an den einzelnen Berufsfachschulen. Damit kam es zu einer „Individualisierung“ des ABU, welcher durch spezifische Lernziele nun auch verankert war in den einzelnen Regionen und Berufsfeldern. In den letzten Jahren stellte sich heraus, dass die sprachlichen Kompetenzen der Lernenden nicht mehr den geforderten Ansprüchen genügten und dass die aktuellen Schullehrpläne zu wenig gezielte Sprachförderung beinhalteten. Zurzeit schlägt das Pendel zurück, indem neben eigentlichen Schullehrplänen pro Berufsfachschule teilweise auch kantonale Lehrpläne erarbeitet werden. Diese neue Entwicklung wurde angeregt durch die Evaluation der bestehenden SLP, in deren Verlauf die jeweiligen Projektleitenden erkannten, dass die einzelnen SLP eine sehr grosse Übereinstimmung aufwiesen. Dies äusserte sich in ähnlichen Themen, aber auch in ähnlichen Lernzielen.
Welches sind die Ziele des allgemeinbildenden Unterrichts in der beruflichen Grundbildung an Berufsfachschulen?
An den allgemeinbildenden Unterricht werden vom Gesetzgeber sehr hohe Anforderungen gestellt. In der Verordnung über die Mindestvorschriften für die Allgemeinbildung in der beruflichen Grundbildung (VMAB) listet Artikel 2 die Ziele des ABU klar auf. Es ist dies die Vermittlung grundlegender Kompetenzen zur Orientierung im persönlichen Lebenskontext und in der Gesellschaft sowie zur Bewältigung von privaten und beruflichen Herausforderungen. Der ABU bezweckt insbesondere die Persönlichkeitsentwicklung, die Integration des Individuums in die Gesellschaft sowie die Förderung von spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten zum Erlernen und Ausüben eines Berufes. Der ABU soll zudem die Verwirklichung der Chancengleichheit für Lernende beider Geschlechter sowie für Lernende mit unterschiedlichen Bildungsbiografien oder kulturellen Erfahrungen ermöglichen. Ergänzend zur VMAB sind gemäss Rahmenlehrplan 06 die Ziele des ABU eine Kompetenzerweiterung der Lernenden in persönlichen, beruflichen und auch gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Sie sind RUMPLUR (Regionale Umsetzungsperson). Was ist Ihre Aufgabe bei der Umsetzung vom Rahmenlehrplan zum Schullehrplan?
Als RUMPLUR bin ich direkter Ansprechpartner der Projektleiter in einer bestimmten Region (mein Gebiet sind die Kantone der Nordwest-Schweiz) vor Ort. Zudem bin ich Verbindungsglied zwischen dem Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB und den einzelnen Berufsfachschulen. Eine Koordination findet in der ganzen Schweiz statt - inklusive Romandie und Tessin, idem alle RUMPLUR regelmässige Gesamtsitzungen abhalten und dort ihre Erfahrungen austauschen und spezifische Bedürfnisse aus den Regionen einbringen. Die RUMPLUR sind auch zuständig für die Erarbeitung einer Begleitdokumentation, welche den Umsetzungsprozess an den Berufsfachschulen erleichtern soll. Die einzelnen Dokumente werden laufend publiziert auf der Seite des EHB unter www.abu-rlp.ch
Bis Sommer 2009 werden an allen Berufsschulen der Schweiz die Schullehrpläne überarbeitet sein und laufend eingeführt werden. Zieht sich dann der Bund aus der Verantwortung zurück? Wie sieht die Qualitätssicherung aus?
Das Gesetz gibt für die SLP-Entwicklung eine Frist bis Ende 2008 vor. Einige Berufsfachschulen und Kantone sind im Projekt bereits recht weit fortgeschritten und werden bis Ende 2008 ihre SLP entwickelt haben. Dann beginnen deren Einführung, Umsetzung, die Weiterbildung der Lehrpersonen und die laufende Evaluation der SLP. Spätestens im Sommer 2009 müssen alle Schulen mit den neuen SLP starten. Der Bund übergibt die Trägerschaft und Finanzierung ab dem 1.8.2008 den Kantonen. Mit diesem Schritt wird auch die Funktion der RUMPLUR beendet. Die Qualitäts-Sicherung obliegt den Kantonen. Sie können die SLP intern oder extern evaluieren lassen mit dem Kriterienraster, welchen die RUMPLUR erarbeitet und in den Regionen vorgestellt haben. Aus meiner Sicht werden sich in Zukunft die einzelnen SLP in ihren Inhalten wieder annähern, was in letzter Konsequenz – analog dem Projekt Harmos - zu einem nationalen Lehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht führen wird.
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?
Für mich ist die grösste Herausforderung, dass unser triales System in der Berufsbildung mit Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen erhalten bleibt. Zudem sollten die einzelnen Bildungsverordnungen schnell den aktuellen Bedürfnissen der Wirtschaft und Gesellschaft angepasst werden. Als rohstoffarmes Land müssen wir unsere Spitzenposition in der Ausbildung von kompetenten Berufsleuten weltweit erhalten – wenn möglich sogar ausbauen – wenn wir unseren sehr hohen Lebensstandard halten wollen. Die Berufsbildung muss und wird denselben gesellschaftlichen Stellenwert haben bzw. bekommen müssen wie die gymnasiale Bildung. Die Schweiz braucht nämlich beides – und dies auf höchstem Niveau. Da ist auch der Bund gefordert und im Besonderen das EHB. Leider gibt es zurzeit gewisse Anzeichen dafür, dass der Bund und das EHB diese Leaderrolle nicht kompetent genug wahrzunehmen im Stande sind. Dies könnte sich mittelfristig negativ auf die Berufsbildung auswirken.
Ausblick in das Jahr 2050: Ja, es wird noch Berufslehren geben, aber von der Anzahl her werden es weniger sein. Zudem werden die einzelnen Berufe sich nicht mehr so streng voneinander abgrenzen, wie wir das noch heute beobachten können.
14.03.2008
Kontakt
E-Mail Beat Gurzeler: bgurzeler@dplanet.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch g.zahno@red.educa.ch
Weiterführende Informationen
Projektsite der Umsetzungsarbeiten des Rahmenlehrplans Allgemeinbildung.
www.abu-rlp.chDas Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB ist im Auftrag des Bundes verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung von Berufsbildungsverantwortlichen.
www.ehb-schweiz.ch
