Thema Integration und Forumtheater

Bild Balz Burch

"Letztlich ist es aber das Ziel dieser spannenden Theaterform, dass mittels gespielter Szenen mögliche Lösungen aufgezeigt werden können für Konflikte, wie sie von unseren Berufslernenden im Alltag überall und immer wieder anzutreffen sind."

Balz Burch, Projektleiter "ROOKIE" an der Berufsschule Aarau

Das Thema "Migration und Integration" ist an allen Berufsfachschulen virulent. An der Berufsschule Aarau wurde die Thematik mit einer anderen Art, mit einem Forumtheater, angegangen. Der Berufsschullehrer Balz Burch war Projektleiter "ROOKIE" und ist nebenberuflich Komponist von Musicals.

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Nach Meinung des Berufsberaters wäre Chemielaborant der geeignete Beruf mich gewesen. Dem war aber ganz und gar nicht so. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, in einem Labor eines Chemieunternehmens zu arbeiten. Ich entschied mich deshalb dafür, weiterhin zur Schule zu gehen. Anfangs der Siebzigerjahre war es noch möglich, mit einem Luzerner Sekundarschulabschluss das Lehrerseminar zu besuchen. Das habe ich dann von 1970 bis 1975 auch getan, wurde Primar- und später Reallehrer. Von 1982 bis 1984 war ich am damaligen SIBP und liess mich zum Berufsschullehrer ausbilden. Seit 1984 unterrichte ich nun mit grosser Freude Allgemeinbildung an der Berufsschule Aarau. Ich habe meinen damals gefällten Berufsentscheid nie bereut. Eine wichtige Rolle spielt in meinem Leben aber auch die Musik. Als Komponist konnte ich in den vergangenen 15 Jahren verschiedene Musicals auf die Bühne bringen, eines sogar für den Berner Kantonaltag an der EXPO 02.

An der Berufsschule Aarau soll das Thema "Migration und Integration" auf eine neue Art unterrichtet werden. Welche Bedeutung hat dieses Thema für die Lernenden?

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in den Medien das Thema Migration, bzw. Integration aufgegriffen wird. Gerade auch die jüngsten Gewaltakte, bei denen Todesopfer oder schwere Körperverletzungen die Folge waren, rücken immer wieder die „Ausländerthematik“ in den Mittelpunkt unserer Arbeit mit den Lehrtöchtern und Lehrlingen. Unsere Jugendlichen sind viel näher dran am Geschehen, sie sind die direkt Betroffenen. Es hat deshalb für sie eine viel grössere Bedeutung als für uns ältere Generation. Ich glaube es trifft tatsächlich zu wenn sie sagen, wir hätten keine Ahnung von ihren Problemen damit.

Bei uns an der Berufsschule Aarau spielt deshalb im Rahmen interkulturellen Lebens die Frage eine bedeutende Rolle, wie wir die Zusammenarbeit von Jugendlichen aus unterschiedlichen Kulturen unterstützen können. Im Unterrichtsfach „Allgemeinbildung“ besteht die Möglichkeit, die verschiedenen Facetten im Umgang mit andern Kulturen zu thematisieren, nämlich bei der Vermittlung im Rahmen der Kompetenzbereiche Arbeit, Ethik, Geschichte/Politik, Identität/Sozialisation und Kultur.

Selbstverständlich wird auch im Fachunterricht die Integration sehr ernst genommen und gerade durch eine solide Berufsausbildung nachhaltig gefördert. Bildung im weitesten Sinne ist meiner Meinung nach die wichtigste Grundlage für eine rasche und erfolgreiche Integration. Eine sehr wichtige Bedeutung hat beim Integrationsprozess eine angemessene Sprachkompetenz, in unserer Sprachregion also in der deutschen Sprache.

Mit dem Theaterprojekt „ROOKIE“ sensibilisieren wir unsere jungen Menschen für die Thematik und bieten eine Plattform für Gespräche und wichtige Lernprozesse. Wir tolerieren an unserer Schule keine Form von Rassismus oder Intoleranz gegenüber Ausländern. Ich stelle mit grosser Freude fest, dass unsere Lehrtöchter und Lehrlinge ein gutes Verhältnis zueinander haben. Wir dürfen uns durch Einzelfälle von Gewalttaten ausländischer Jugendlicher, die in den Medien jeweils gross ausgeschlachtet werden, nicht beirren lassen.

** Das Thema Migration und Integration wird den Lernenden mit der Methode des Forumtheaters vermittelt. Was ist ein Forumtheater?**

Man könnte sagen, dass das Forumtheater, wie wir es an der Berufsschule erleben konnten, eine interaktive Theaterform oder eine Art theatralische Diskussion ist. Die einzelnen Szenen thematisieren Konflikte und fordern bei den Zuschauern Lösungsvorschläge heraus. Die Schülerinnen und Schüler können aktiv am „Forumsgeschehen“ teilnehmen, indem sie den Schauspielern die eigenen Lösungsvorschläge erklären und/oder gleich selber ins Spielgeschehen eingreifen und eine Rolle übernehmen. Letztlich ist es aber das Ziel dieser spannenden Theaterform, dass mittels gespielter Szenen mögliche Lösungen aufgezeigt werden können für Konflikte, wie sie von unseren Berufslernenden im Alltag überall und immer wieder anzutreffen sind. Wir haben die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des allgemeinbildenden Unterrichts auf den Theaterbesuch vorbereitet. Sie wussten, dass es um die Thematik der Integration von Ausländern gehen wird.

Welchen Stellenwert messen Sie klassenübergreifenden Projekten und Anlässen an Berufsschulen zu?

Klassenübergreifende Projekte haben an unserer Schule grosse Bedeutung. Eines der grösseren Projekte, wenn nicht gar das grösste Projekt an der bsa, war sicher das Musical „TEDDY’S SECRET“. An diesem Grossprojekt, das im Oktober und November 2005 durchgeführt wurde, beteiligten sich rund 1000 Schülerinnen und Schüler auf vielfältigste Weise. Da gab es Aufgaben in den Bereichen Verpflegung, Barbetrieb, Logistik, Kulissenbau, Maske und Frisuren, Auf- und Abbau der Tribüne, Verkauf etc., die ausschliesslich durch Berufslernende unserer Schule erfüllt wurden. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Teamfähigkeit sind nur einige der Kompetenzen, die wir dadurch auf aussergewöhnliche Weise vertiefen konnten.

Das professionell produzierte Musical wurde von fast 6000 Zuschauern besucht. Es war also ein grosser Erfolg für alle Beteiligten. Selbstverständlich fanden in kleinerem Rahmen immer wieder klassenübergreifende Projekte statt. Das waren zum Beispiel Sportanlässe, Skitage, Literaturtage, Musikwochen u.a.

Wie erlebten Sie die Wirkung des Forumtheaters auf die Berufslernenden?

Vielleicht ist es, bevor ich auf diese Frage eingehe, noch wichtig zu erwähnen, welche Themen im Stück aufgegriffen wurden.

In der ersten Szene ging es um folgendes: Durim, ein albanisch-stämmiger Berufslernender, hat ein Problem in der Berufsschule. Er gerät dabei an seinen Berufsschullehrer Böhni. Durims Freundin Alexandra setzt sich für Durim ein. In der zweiten Szene hat Durim ein Problem mit seinem Lehrmeister. Er wirft Durim vor, er verhalte sich unkonzentriert und produziere nur Ausschuss. Auch hier spielt Alexandra wieder eine wichtige Rolle. In der dritten Szene geht es schliesslich um Beziehungsprobleme zwischen Durim und seiner Freundin Alexandra. Es werden also in den drei Szenen, die zu Beginn ohne Unterbrechung durchgespielt werden, Situationen thematisiert, mit denen sich zum grossen Teil auch unsere Schülerinnen und Schüler auseinander setzen müssen. Nach diesem ersten Durchlauf wurden die gleichen Szenen wiederholt, und nun konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der oben erwähnten Weise auf das Geschehen Einfluss nehmen. Dies haben sie dann auch getan. Die Jugendlichen fühlten sich von den Themen direkt angesprochen und haben gezielt interveniert, wenn ihnen in einer Szene das Verhalten der einen oder anderen Person nicht gefallen hat oder sie mit einer Aussage oder Reaktion nicht einverstanden waren. Die Improvisationsfähigkeit der Schauspieler war sehr beeindruckend und gab den Szenen den nötigen Tiefgang und die nötige Ernsthaftigkeit. Die Feedbacks der Schülerinnen und Schüler waren sehr positiv.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?

Ich denke, wir haben gegenwärtig noch ein sehr hohes Berufsbildungsniveau. Aber wir dürfen auf keinen Fall den Anschluss verpassen und uns auf den Lorbeeren ausruhen. China, Indien und viele andere Staaten in der Welt holen gewaltig auf, was ihr technisches Knowhow und die Qualität ihrer Arbeit betrifft. Hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte sind deshalb für uns ein Muss, wenn wir auch in Zukunft dem Druck aus Asien standhalten wollen. Wichtig ist für mich auch, dass Fächer wie Physik, Mathematik und Chemie mehr Raum in der Bildung bekommen. Am wichtigsten aber scheint mir, dass wir umgehend damit aufhören, unsere Volksschule zu einer Dauerbaustelle verkommen zu lassen. Die Lehrerschaft muss sich endlich wieder voll und ganz ihrem Kerngeschäft, dem Unterrichten, widmen können. Die Konsequenzen bekommen wir an der Berufsschule seit Jahren zu spüren. Wir stellen in zunehmendem Masse fest, dass die neu eingetretenen Schülerinnen und Schüler oft nicht über ausreichende Grundkompetenzen verfügen. Ihre sprachlichen und mathematischen Kenntnisse sind zum Teil sehr dürftig. Das darf einfach nicht sein. Wir sollten deshalb die ernüchternden Erkenntnisse aus den PISA-Studien sehr ernst nehmen. Ich denke, wir können uns auf der Volksschulstufe schlicht keine Experimente mehr leisten.

Die beruflichen Möglichkeiten sind seit der Einrichtung von Fachhochschulen für leistungsbereite Berufsleute sehr attraktiv geworden. Ich glaube, dass wir auch noch in vierzig Jahren ein ähnliches Bildungssystem haben werden und viele junge Leute diesen Weg ins Berufsleben wählen werden. Das dreiteilige System (Betrieb, Berufsfachschule und Einführungskurse) hat sich in der Vergangenheit sehr bewährt und wird sich auch in Zukunft als attraktive Alternative zum gymnasialen Bildungsgang behaupten können.

19.03.2008

Kontakt

E-Mail Balz Burch: balz.burch@bs-aarau.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch g.zahno@red.educa.ch

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